Schubert mit Klenke

Gewandhaus Magazin Nr. 87

[...] Insbesondere Schuberts Streichquartette haben sich tief in das Bewusstsein des affinen Publikums eingeschrieben, scheint in ihnen doch beispielhaft nicht nur einzigartige formale Vollendung auf, sondern auch die für Schuberts Werk so spezifische Gestimmtheit zwischen domestizierter Heiterkeit, lyrisch-subtiler Einlassung und dunkel getönter Melancholie. Welchen interpretatorischen Zugriff aber wählt man für einen zwischen hell und dunkel, zart und kraftvoll, Schmerz und Aufbruch oszillierenden Klangkosmos? Als eine der profiliertesten europäischen Formationen hat das Klenke-Quartett eine auf allen Ebenen zeitgemäße Schubert-Exegese vorgelegt. Jenseits romantisierender Geste, Vibrato-Exzessen und angedicktem Ton erstehen die drei Quartette als scharf gemeißelte, präzise in den Details ausgearbeitete Skulpturen. Schlank und strukturorientiert, hart an Linien und Verästelungen des Notentextes entlang musiziert, steht diese Lesart im Zeichen kompromissloser Durchsichtigkeit. So unbarmherzig genau hat zuvor noch selten eine Formation Schmerz, Todessehnsucht und Abgrund formuliert. Existenzielle Dimension wird hier nicht nur gestreift, sondern auf den Punkt gebracht.

Martin Hoffmeister, CD-Kolumne »Kontrapunkt«
Gewandhaus-Magazin / Sommer 2015

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